24.04.2020 – GMX – Rache auf dem Rücken des Kindes: Das gefährliche Phänomen der Eltern-Kind-Entfremdung

Von Antonia Fuchs
Aktualisiert am 24. April 2020, 14:03 Uhr

Wenn sich die Eltern trennen, bricht für ein Kind meist eine Welt zusammen. Manche Eltern machen alles noch viel schlimmer: Sie bringen das Kind dazu, den anderen Elternteil zu hassen und nie wieder sehen zu wollen. So gefährlich sind die Folgen dieser sogenannten Eltern-Kind-Entfremdung.

Für manche Eltern ist die Coronakrise eine willkommene Gelegenheit. Etwa für solche, die unter dem Vorwand „Corona“ dem Ex-Partner den Umgang mit den gemeinsamen Kindern komplett verweigern.

Andere änderten eigenmächtig die Vereinbarungen, meldet der Interessenverband Unterhalt und Familienrecht in Nürnberg. Zahlreiche Anrufe verunsicherter Eltern gehen derzeit dort ein. Dabei ist die Regel klar: Elternteile, die ein Sorgerecht für ihre Kinder haben, dürfen diese besuchen.

Eltern manipulieren ihre Kinder

Was hier zutage tritt, ist auch jenseits von Corona keine Seltenheit: dass ein Elternteil den Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil unterbinden will. Und noch schlimmer: „Es gibt Eltern, das erleben wir leider Gottes immer häufiger, die ihre Kinder gezielt manipulieren, bis diese nichts mehr mit dem anderen Elternteil zu tun haben wollen“, erklärt Jürgen Rudolph, ehemaliger Familienrichter und heute Rechtsanwalt.

Dieses Phänomen hat einen Namen: Wenn die einstige Liebe des Kindes zu einem Elternteil auf Betreiben des anderen Elternteils hin in Ablehnung oder Hass umschlägt, ist von einer Eltern-Kind-Entfremdung die Rede.

„Es sind viel zu viele Menschen, die in ihrer Kindheit davon betroffen sind“, bedauert Rudolph, der 30 Jahre als Familienrichter arbeitete und die Eltern-Kind-Entfremdung als Teil seiner täglichen Arbeit erlebte. „Und es sind sowohl Mütter wie Väter, die entfremden.“

In der Praxis sei die Zahl der Mütter zwar deutlich grösser. Das sei jedoch darauf zurückzuführen, dass der Entfremder fast immer das Elternteil sei, bei dem das Kind lebt. „Wer den Zugriff hat, hat die Macht“, sagt Rudolph. Und das ist laut der Studie „Getrennt gemeinsam erziehen“ meistens die Mutter:

  • Mehr als 3,7 Millionen Kinder und Erwachsene in Deutschland leben bei einem alleinerziehenden Elternteil, in 84 Prozent der Fälle bei der Mutter.

So häufig hat ein Elternteil nach der Trennung keinen Kontakt zum Kind:

  • Väter: 18 Prozent
  • Mütter: 3 Prozent

Filmreifer Stoff

Rudolph agierte kürzlich als juristischer Fachberater für den ARD-Film „Weil du mir gehörst“, der genau dieses Thema der Eltern-Kind-Entfremdung auf packende Weise aufgreift.

In einer der ersten Szenen spricht die kleine Anni mit dem Richter über ihren Vater: „Ich habe Angst vor ihm. Er ist jähzornig, stur und egoistisch, das weiss ich genau. Und er schlägt die Mama und mich auch. Ich hasse ihn. Ich will meinen Vater nicht mehr sehen – nie mehr, Ich wünschte, er wäre tot. Wenn Sie jetzt bestimmen, dass ich wieder zu ihm muss, bringe ich mich um.“

In der Rückblende erlebt der Zuschauer anschliessend, wie unbeschwert ihre Liebe zum Vater noch ein Jahr zuvor war – und wie es der Mutter auf perfide Weise gelang, dem Mädchen den Vater systematisch zu entfremden. Mit zahllosen Lügen, Intrigen und sogar einem Umzug, von dem der Vater nichts erfahren sollte. Wo Filme meist übertreiben, ist das nach Rudolphs Erfahrung hier nicht der Fall: „Dieser Streifen ist wie eine Blaupause.“

Rache und Angst als häufige Motive

Warum Eltern so etwas tun, erläuterte der Psychologe Stefan Rücker im TV-Talk zum Film: „Eltern, die hoch konfliktreich miteinander umgehen, verlieren schnell das Wohl des Kindes aus den Augen.“

Mögliche Motive des Entfremders seien:

  • Angst: „Man hat bereits den Partner verloren und befürchtet, nun auch noch das Kind zu verlieren.“
  • Rache: „Ich zahle es dir heim und mache die schmalen Schultern unserer gemeinsamen Kinder zum Austragungsort unseres Rosenkrieges. Ich will den Sieg davontragen, notfalls auf dem eigenen Trümmerfeld“, fasst Rücker zusammen und ergänzt: „Die gleichen Eltern beschwören aber auch, dass sie alles für ihre Kinder tun.“

Häufig seien bei den Entfremdern auch narzisstische Persönlichkeitsanteile oder Borderline-Erkrankungen zu beobachten.

Die Entfremdung vollziehe sich dann über verschiedene Stufen. „Am Anfang steht das tiefe Begehren, den anderen Elternteil irgendwie aus diesem Familienverbund auszuschliessen“, erklärt er. Weil das aber moralisch verwerflich sei, gerieten Entfremder in einen inneren Spannungszustand: „Um diese Spannung für mich aufzulösen, suche ich im zweiten Schritt nach Gründen, warum es richtig und wichtig ist, den anderen Elternteil auszuschliessen. Da wird die Vergangenheit verzerrt, und am Ende glaubt der Entfremder selbst an diese konstruierten Gründe.“

Verheerende Schäden für die Psyche des Kindes

Scharf abzugrenzen ist die Eltern-Kind-Entfremdung von Fällen, in denen der Kontaktabbruch triftige Gründe hat, wie etwa Gewalt gegen das Kind. Wo aber ein Elternteil letztlich grundlos den Ex-Partner aus dem Leben des Kindes verdammt, wirkt sich das fatal auf die psychische Gesundheit des Kindes aus.

Der amerikanische Kinder- und Jugendpsychologe Richard Gardner beschrieb dies in den 1980ern als „Parental Alienation Syndrome“ (elterliches Entfremdungssyndrom), kurz PAS.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahm PAS zwar nicht als Krankheit in ihren diagnostischen und statistischen Leitfaden für psychische Störungen auf. Unumstritten ist aber, dass es diese Eltern-Kind-Entfremdung gibt. Rücker nennt sie „ein Verbrechen an der Seele von Schutzbefohlenen“ und zählt einige mögliche Folgen auf:

  • Traumatisierung
  • Störungen im Sozialverhalten
  • Depressionen
  • Angst, Panikattacken
  • Selbstverletzendes Verhalten
  • Suizidwünsche
  • Essstörungen
  • Beziehungsstörungen im Erwachsenenalter

„Die Störungen dauern vielfach über die gesamte Lebensspanne an, das muss man sehr ernst nehmen“, sagt er. Im Gegensatz zu Jungen, bei denen der Hilfebedarf öfter bemerkt würde, leiden Mädchen eher nach innen: „Eltern sind dann in der Annahme, dass das Kind die Trennung oder gar Entfremdung ganz gut verwindet.“ Dass dies nicht der Fall sei, zeige sich beispielsweise an Symptomen wie Bauch- oder Kopfschmerzen, die das Umfeld aber oft falsch deute.

Je länger die psychische Störung andauere, desto schwieriger sei es, den Leidensdruck therapeutisch zu vermindern: „Es muss also früh geschehen.“

Frühe Intervention könnte vieles verhindern

Früher eingreifen: Das war auch immer Rudolphs Ziel, der die Gerichtsstrukturen und die damit verbundene Hilflosigkeit des Systems anprangert.

16 Jahre lang erprobte und etablierte er ab 1992 im sogenannten „Cochemer Modell“ am Amtsgericht eine neue Zusammenarbeit: Richter, Mitarbeiter von Jugendämtern und Beratungsstellen, Psychologen und auch Anwälte vernetzten sich hier zu einer Kooperation, die ein Ziel hatte: „Das Wohl des Kindes – Eskalation und Streit vermeiden, damit dem Kind zu beiden Elternteilen eine gesunde Beziehung ermöglicht ist“, fasst Rudolph zusammen.

Dazu mussten sich die Eltern an einen Tisch setzen. „Wir führten ihnen auch vor Augen, was sie erwartet, wenn sie zu keiner Lösung kommen: Gerichtsverfahren bis zur Volljährigkeit des Kindes, viel Kummer – und das Kind wird auch nicht immer ihr Eigentum sein, wie sie vielleicht im Moment denken. Nach den ersten intensiven Emotionen aufgrund der Trennung waren viele hier bald zu konstruktiven Gesprächen bereit, die Kampfsituationen nahmen deutlich ab“, erinnert er sich.

Zudem wurde möglichst sofort interveniert – nicht erst nach Gutachten, die den Richtern teilweise erst nach Monaten verfügbar sind, wo etwa eine Eltern-Kind-Entfremdung schon längst viel zu weit fortgeschritten ist.

Nachdem er in den Ruhestand ging, lief das Modell jedoch aus, was Rudolph zutiefst bedauert. „Familien werden im Stich gelassen und das Kind leidet ganz besonders darunter.“

Ein Beispiel: „Die Sachverständigen arbeiten nach keinen einheitlichen Standards. Letztlich empfehlen sie sehr häufig – wie im Film ‚Weil du mir gehörst‘ – alles so zu lassen, wie es ist. Die Begründung: Man müsse ‚Ruhe reinbringen‘ in das Leben des Kindes. Sie stellen hier aber Weichen für Lebenswege – des Kindes, aber auch der Eltern. Der Richter beruft sich dann in seiner fatalen Entscheidung auf das Gutachten – der Gutachter aber sagt am Ende, er habe ja nicht das Urteil gefällt. Die Verantwortlichkeiten verflüchtigen sich.“

Juristische Ausbildung alleine reicht nicht

Auch müssten aus Rudolphs Sicht sämtliche Professionen, die mit Familienkonflikten befasst sind, über Grundkriterien aus der Erfahrung der Familienpsychologie informiert werden. Also Familienrichter und -anwälte, Jugendämter und Beratungsstellen, forensische Sachverständige.

„In den ersten Jahren meiner richterlichen Tätigkeit hätte ich an Annis Worten nicht erkannt, dass hier eine eindeutige Eltern-Kind-Entfremdung vorliegt“, sagt er.

Typische Anzeichen seien:

  • Betroffene Kinder übernehmen die Worte der Mutter bzw. des Vaters, sprechen nicht altersgemäss.
  • Die Begründungen sind irrational – die Kinder können gar nicht genau benennen, warum sie den Vater/die Mutter nicht mehr sehen möchten. „Darum“, lautet dann oft die Antwort.
  • Das Kind nennt Argumente, die es übernommen hat, zum Beispiel: „Mein Vater war nicht mal bei meiner Geburt dabei.“

Dass der Entfremder aus Bösartigkeit handelte, glaubte Rudolph in den allermeisten Fällen, die er miterlebte, übrigens nicht: „Sie sind tatsächlich überzeugt, dass sie das Richtige tun.“ Für umso grösser hält er daher die Chance, den Blick solcher Eltern auf das wahre Wohl des Kindes zu lenken: „Doch dies funktioniert eben nur, wenn die dafür vorgesehenen Institutionen und Berater ganz früh intervenieren.“

Hinweis:

Der Film „Weil du mir gehörst“ ist noch bis 16. Mai 2020 in der Mediathek von Das Erste verfügbar.

Über den Experten:

Jürgen Rudolph war von 1999 bis 2008 Familienrichter am Amtsgericht Cochem in Rheinland-Pfalz, ist Initiator des „Cochemer Modells“ und Autor des Buches „Du bist mein Kind“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 2007). Seit 2009 arbeitet er als Rechtsanwalt sowie als Dozent und wirkt mit an wissenschaftlichen Dokumentationsprojekten zum Thema Umgang mit dem Familienkonflikt.

Verwendete Quellen:

Quelle: GMX – https://www.gmx.ch/magazine/ratgeber/kind-familie/rache-ruecken-kindes-gefaehrliche-phaenomen-eltern-kind-entfremdung-34603046

15.05.2019 – Aargauer Zeitung – Familienrichter: „Manipulierte Kinder übernehmen die Sicht ihrer Mutter“

Entfremdung
Familienrichter: «Manipulierte Kinder übernehmen die Sicht ihrer Mutter»
von Anita Zulauf – wireltern.ch
Zuletzt aktualisiert am 15.5.2019 um 13:03 Uhr

Bruno Roelli hat sich als Familienrichter im Kanton Luzern für das Recht der Kinder auf beide Eltern eingesetzt. Im Interview erzählt er aus der Praxis.

Herr Roelli, Sie waren über 30 Jahre Familienrichter im Kanton Luzern. Haben Sie viele Entfremdungsgeschichten erlebt?

Bruno Roelli: Leider ja. Es sind traurige Geschichten. Die Entfremdungsthematik begann in den Achtzigerjahren mit der Zunahme der Scheidungsverfahren. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass mit den 68er-Jahren und der Erosion der Glaubwürdigkeit der staatlichen Instanzen Gerichte an Autorität zu verlieren begannen. Deshalb der gefährliche Weg zur Selbstjustiz. Als Kampfmittel wurden dann immer mehr auch Missbrauchsvorwürfe eingesetzt.

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05.10.2015 – OTS – Trennungskinder: Europarat verlangt Ratifizierung der Doppelresidenz

OTS0086, 5. Okt. 2015, 11:09

Trennungskinder: Europarat verlangt Ratifizierung der Doppelresidenz
Ein Schritt zu zeitgemäßem Familienrecht.

Straßburg, Wien (OTS) – Die „Parlamentarische Versammlung“ des Europarates unterzeichnete einstimmig die Resolution zur Ratifizierung der Doppelresidenz als Standard in allen Mitgliedsstaaten.

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05.10.2015 – OTS – Trennungskinder: Europarat verlangt Ratifizierung der Doppelresidenz

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Trennungskinder: Europarat verlangt Ratifizierung der Doppelresidenz

Ein Schritt zu zeitgemäßem Familienrecht.

Straßburg, Wien (OTS) – Die „Parlamentarische Versammlung“ des Europarates unterzeichnete einstimmig die Resolution zur Ratifizierung der Doppelresidenz als Standard in allen Mitgliedsstaaten.

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12.02.2013 – Kanzlei Ruetten Woithe – Umgang: Erst zum Jugendamt, dann zum Gericht

Das OLG Köln wies mit Entscheidung vom 17.12.2012 – AZ 4 WF 156/12, den Antrag auf Verfahrenskostenhilfe eines Vaters zurück, der einen Umgangsantrag bei dem FamG gestellt hatte, ohne zuvor über das Jugendamt eine gütliche Einigung mit der Mutter versucht zu haben.

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16.12.2011 – Standard – Der traumatische Kreidekreis

Die zwischen Vätern und Kindern praktizierte Apartheid, formuliert es der Schriftsteller Raoul Schrott, ist wohl das größte Skandalon unserer Gesellschaft

Auf einem Gruppenfoto würden sich die rechtlosen Väter, mit denen ich während der Recherche zu meinem Roman Das schweigende Kind gesprochen habe, in einem ähneln: Sie sind alle im besten Alter, machen aber eine unglückliche Figur. Niemand hat ihnen abgesprochen, gute Väter zu sein, doch die Ohnmacht, ihre Kinder kaum sehen zu dürfen, lässt sie etwas linkisch erscheinen – vielleicht weil Opferrollen schlecht zum gängigen Männerbild passen.
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24.09.2011 (Samstag) – Psychische Gewalt in Beziehung und Familie und das Kindeswohl – Fachtagung in 42369 Wuppertal

24.09.2011 von 09:30h bis 17:30h

Städtische Erich-Fried-Gesamtschule Ronsdorf

An der Blutfinke 70

42369 Wuppertal

Teilnahmegebühr inkl. Mittagessen und Tagungsgetränke 60,00 €

Anmeldung erforderlich unter fachtagung@familie-trennungscoach.de

Schirmherrschaft Jürgen Rudolph, Richter am Familiengericht a.D.

Psychische Gewalt bzw. psychischer Missbrauch geschieht leise und ohne sichtbare Folgen – auf den ersten Blick.

Sicher kennt jeder mindestens eine Form der psychischen Gewalt aus seinem näheren Umfeld und doch nehmen wir viele Handlungen nicht bewusst als Gewalthandlungen wahr.

Sei es ob er/sie auf der Arbeit von den Kollegen gemobbt wird, ob das Kind in der Schule gehänselt und massiv unter Druck gesetzt wird oder ob man im Rahmen der Erziehung zu drastischen Maßnahmen und Bestrafungen greift. Auch innerhalb der Partnerschaft ist psychische Gewalt nicht selten ein Thema.

Erzieher und Pädagogen kennen Formen der psychischen Gewalt ebenso wie Mitarbeiter von Erziehungsberatungsstellen und Jugendämtern.

Auch und gerade in den Familien und Beziehungen im Rahmen von Trennungen und Scheidungen greifen viele Eltern und Ex-Partner/Innen zum Mittel des psychischen Missbrauchs. Gegenüber den Kindern und gegenüber der/dem Ex-Partner/In.

In familiengerichtlichen Verfahren tätige Gutachter/Innen weisen häufig unmittelbar darauf hin. Die Folgen für die Betroffenen werden meist direkt mit benannt.

Jedoch nicht selten ohne ausreichende Konsequenzen für den Täter oder die Täterin.

Häufig geschieht diese Art des Missbrauchs unbewusst, aus einer Notlage heraus oder weil man selber so erzogen wurde und dies die Normalität im eigenen Erziehungsalltag darstellt. In einigen Fällen jedoch auch aus Absicht heraus den Ex-Partner zu bestrafen. Mit dem Hintergrund das man jedoch dem Kind Gewalt antut und dieses nachhaltig schädigt.

Aber sagt das Gesetz nicht, dass Gewalt an Kindern, psychische wie physische nicht zulässig ist? Sprechen wir nicht gerade in familiengerichtlichen Verfahren auch immer vom so genannten Kindeswohl?

Wo aber fängt psychischer Missbrauch an? Wie gehen wir selber als beteiligte Profession mit dem Thema um wenn an uns der Verdacht eines psychischen Missbrauchs herangetragen wird?

Auf diese Thematik wollen wir auf der Fachtagung einmal näher eingehen.

 

Als Referenten werden wir begrüßen dürfen:

  • Dipl.Psych. Ulrike Angermann, Fachpraxis für Trauma-und Gesundheitspädagogik, Einzelheiten unter http://www.psychischegewalt.org/
  • Maria Dorner, Konrektorin a.D. Stellv. Vorsitzende des Verbandes Anwalt des Kindes, Bundesverband, Näheres zum VAK unter http://www.v-a-k.de
  • Dr. Ute Hoffmann, Dipl. Psych. Gutachterin in familien-und strafrechtlichen Verfahren
  • Birgit Kaufhold, Dipl.Pädagogin, Verfahrensbeistand, Umgangspflegerin, Ergänzungspflegerin, Näheres zur Referentin unter http://www.verfahrenspflegerin-kaufhold.de
  • PD Dr. Katharina Klees, Wissenschaftlerin, Autorin, ehemalige Jugendamtsleiterin, Trauma-Fachexpertin , Internetpräsenz unter http://www.aufwindinstitut.de
  • Hans-Christian Prestien, Familien – und Jugendrichter a.D., Ehrenvorsitzender des Verbandes Anwalt des Kindes, Bundesverband, 1. Vorsitzender des Landesverbandes Berlin/Brandenburg des VAK

Während der Tagung haben Sie die Möglichkeit das Buch „Kinderherz“ näher kennenzulernen. In vielen Berichten wird das Leid der Kinder beschrieben und auf die verschiedensten Arten des psychischen Missbrauchs hingewiesen. Die Autoren vermitteln eindringlich das Leid dieser Kinder und konfrontieren den Leser mit den Folgen dieser Form des Missbrauchs und der Gewalt.

 

Geplanter Tagungsablauf:

09.30 Uhr Ankunft/Begrüßungskaffee
10.00 Uhr Beginn der Tagung – Begrüßung durch den Schirmherr Jürgen Rudolph, Richter am Familiengericht a.D. – Rechtsanwalt Rudolph ist Mitgründer des interdisziplinären Kooperationsprojekts Cochemer Praxis („Cochemer Modell“) http://www.ak-cochem.de Dieses bekannte Projekt hat die Vernetzung der am familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Professionen zum Ziel.
10.15 Uhr Maria Dorner, Psychischer Missbrauch/Psychische Gewalt in der Pädagogik oder einfach nur Erziehungsstil?
11.15 Uhr PD Dr. Katharina Klees, Psychischer Missbrauch/Psychische Gewalt aus Sicht der Kinder- und Jugendhilfe
12.15 Uhr Mittagspause
13.15 Uhr Birgit Kaufhold, Grenzen und Möglichkeiten des Verfahrensbeistandes bei psychischem Missbrauch
14.15 Uhr Dr. Ute Hoffmann, Psychischer Missbrauch/Psychische Gewalt in gerichtlichen Gutachten
15.15 Uhr Kaffepause
15.45 Uhr Ulrike Angermann, Psychischer Missbrauch/Psychische Gewalt und die Folgen
16.30 Uhr Hans-Christian Prestien, Psychischer Missbrauch und die Rechtsprechung
17.30 Uhr Ausblick und Ende

 

Veranstaltungsort:

Städtische Erich-Fried-Gesamtschule Ronsdorf

An der Blutfinke 70

42369 Wuppertal

 

Teilnahmegebühr inkl. Mittagessen und Tagungsgetränke 60,00 €

 

Das Catering übernimmt der Partyservice Leckermäulchen.

http://www.partyservice-leckermaeulchen.de/default.html

Anfahrt per Bahn, Bus und PKW unter:

http://efg.wtal.de/kontaktimpressum_anfahrt.html

Fragen und Anmeldungen können unter folgender Email vorgenommen werden

fachtagung@familie-trennungscoach.de

Quelle: familie-trennungscoach – http://www.familie-trennungscoach.de/page2.html

 

18.04.2009 – TAZ – Wenn das Kind auf der Strecke bleibt

FAMILIENRECHT Viele Alleinerziehenden nutzen ihre Macht über die Kinder aus, um den anderen Elternteil zu verletzen. Dabei laufen auch Väter, die sich kümmern wollen, Gefahr, zum bloßen Unterhaltszahler zu werden

VON GUDRUN HOLTZ

Zu seinem Sohn hat Michael Steinhoff derzeit keinen Kontakt. Drei Jahre ist es her, dass der Bremer sich scheiden ließ, der Sechsjährige lebt heute bei seiner Exfrau. Ein halbes Jahr nach der Trennung ging sie das erste Mal vor Gericht, um den Kontakt zwischen Vater und Sohn zu verhindern. Immer wieder wurde Steinhoff beschuldigt, sich dem Kind gegenüber falsch zu verhalten. Zum Teil wurden die Anschuldigungen als unbegründet abgewiesen.

Wenn sich Elternpaare trennen oder scheiden lassen, geraten Väter in Gefahr, auf den Unterhaltszahler reduziert zu werden. Der Bremer Rechtsanwalt Bruno Contur rät, innerhalb eines Scheidungsverfahrens eine Regelung des Sorgerechts, des Aufenthaltsbestimmungsrechts und des Umgangsrechts zu beantragen. Conturs Erfahrungen zeigen, dass Paare es oftmals versäumen, dies zu klären, weil immer noch die Auffassung besteht, es werde schon irgendwie klappen.

So wie bei Michael Steinhoff und seiner Frau. Wie immer die noch ausstehenden Entscheidungen des Gerichts ausfallen: Viele Alleinerziehende nutzen ihre Macht über die Kinder aus, um den anderen Elternteil zu verletzen. „Man könnte ganz brutal sagen, es geht oft nicht um die Kinder. Es geht häufig um die Auseinandersetzung der Eltern“, sagt der Bremer Psychoanalytiker Heiko Jelinek.

Ungelöste Konflikte zwischen Vater und Mutter brächten die Mutter dazu, den Vater verdrängen zu wollen. Und bei Gericht bekommen die Mütter häufig Rückendeckung. Laut Jelinek ist das kein Zufall: „Die Mütter können auf dem verbreiteten Klischee aufbauen, die Kinder gehörten zur Mutter. Und das wird durch Behörden und Gerichte sehr stark unterstützt.“

Heiko Jelinek leitet in Bremen eine Vätergruppe. Dort stehen sich Trennungsväter einmal in der Woche mit Rat und Tat zur Seite. In der Regel sehen sie alle ihre Kinder – doch der Kontakt ist ihnen oft zu kurz oder nicht häufig genug. Daneben gibt es immer wieder den Kampf mit den Müttern. Und das obwohl nach Jelineks Meinung die Väterforschung längst belegt hat, dass Väter für die Entwicklung ihrer Kinder genauso wichtig sind wie die Mütter. Der Vater ist wichtig für die Tochter. „Er kann ihr helfen“, so Jelinek, „ein gutes weibliches Selbstgefühl zu entwickeln, sich als Mädchen in der eigenen Weiblichkeit wohlzufühlen“.

Für Jungen spielt der männliche Part in der Erziehung ebenfalls eine wichtige Rolle. „Bei den Söhnen“, sagt der Psychoanalytiker, „ist es wichtig, sich aus der Situation des kleinen Prinzen der Mutter gegenüber zu lösen, aus dieser möglicherweise überengen Mutter-Sohn-Beziehung. Für den Jungen bedeutet der Vater eine Identifikationsfigur, stärker als für das Mädchen.“

Häufig haben die Kinder keine anderen männlichen Vorbilder, denn bis zum Grundschulalter treten oft kaum Männer in ihrem Leben auf. Spätestens im Erwachsenenalter zeigen sich die Konsequenzen. Nach Einschätzung von Jelinek ist es sogar fraglich, ob Jungen, die ohne Vater aufgewachsen sind, in späteren Partnerschaften ihre Aufgabe als verlässliche Männer richtig erfüllen können.

Aus Jelineks Sicht machen sich viele Frauen zu wenig Gedanken darüber, „dass auch Mütter in der Pflicht sind, Jungen so zu Männern mit zu erziehen, dass sie später reife verlässliche Partner und dann eben auch wieder Väter werden.“ Wenn Frauen aus der Enttäuschung über das Beziehungsende dafür sorgen wollten, dass ihr Kind mit ihrem Expartner nichts mehr zu tun habe, sei das eine Überreaktion.

Früher wurden Männern oft pauschal Unzulänglichkeiten in der Kindererziehung zugeschrieben. „Das ist eine kollektiv akzeptierte Diskriminierung der Männer im Umgang mit den Kindern“, sagt Jelinek. Für seine Begriffe handelt es sich dabei um eine behördlich akzeptierte Schädigung des Kindeswohls. Hier würden Kinder „um ihre Vaterbeziehung betrogen“.

Die Behörden sind dafür zuständig, im Falle einer Scheidung sicherzustellen, dass die Kinder zu beiden Elternteilen guten Kontakt haben. Der Cochemer Familienrichter Jürgen Rudolph verortet das Problem im Rechtssystem, bei dem die „Sichtweise des Kindes auf der Strecke bleibt“. Der Versuch, mit rein juristischen Formeln Familienkonflikte zu lösen, ist seiner Meinung nach nicht Erfolg versprechend. Das Gericht produziere Sieger und Verlierer „und Kinder gehen dabei immer mit als Verlierer heraus“.

Rudolph ist Mitinitiator des Cochemer Modells, das gerichtlich andere Wege beschreitet. „Kinder sollen auch nach einer Trennung einen ausgewogenen Kontakt zu beiden Eltern haben können“, so der Familienrichter. Die am Verfahren beteiligten Institutionen agieren nicht als Entscheider, sondern als Moderatoren. Sie sehen ihre Aufgabe darin, Konflikte zu lösen. Ein Weg, der sich bislang bewährt hat.

„Man könnte ganz brutal sagen, es geht oft nicht um die Kinder.“

WENN VÄTER SICH NICHT KÜMMERN

Viele Väter bekommen Beruf und Familie nach wie vor nicht unter einen Hut und wollen das auch gar nicht: So nehmen lediglich 13 Prozent der Papas eine Auszeit oder treten beruflich kürzer, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Dafür arbeiten aber 68 Prozent der Mütter weniger oder machen für die Kinder eine Pause im Job. Eine repräsentative Forsa-Umfrage ergab, dass jeder zweite Vater auch gar nicht kürzer treten will. Fast jeder Dritte kann sich das zwar vorstellen, schafft es aber nicht, dies auch umzusetzen. Bei den Müttern wollen nur 15 Prozent keinesfalls weniger arbeiten. Es sind vor allem finanzielle Sorgen, die Eltern von einer beruflichen Pause abhalten. – Dies bejahten 59 Prozent der Befragten. Lediglich sechs Prozent haben Angst vor einem Karriere-Aus. Mehr als jeder Fünfte musste bereits einmal wegen seines Jobs einen Urlaub absagen oder verkürzen. Fast die Hälfte der Eltern arbeitet ab und zu auch am Wochenende und mehr als jeder Dritte nimmt sich des öfteren Arbeit mit nach Hause. Überstunden machen 46 Prozent der Befragten. Fast jede dritte Mutter verbringt mehr als acht Stunden täglich mit der Kindererziehung. Im Vergleich: Nur fünf Prozent der Väter sind „Vollzeit-Papas“ – aber 28 Prozent der Väter haben schon mal den Geburtstag ihres Kindes oder dergleichen verpasst. dpa

Quelle: TAZ – http://www.taz.de/1/archiv/print-archiv/printressorts/digi-artikel/?ressort=sp&dig=2009%2F04%2F18%2Fa0197&cHash=aef6879365

 

05.09.2009 – Weser Kurier – Kinder haben ein Recht auf beide Eltern

Bremen. Seit Monaten hat Sebastian Klein (Name von der Redaktion geändert) aus Bremen seinen Sohn nicht mehr gesehen. Das fünfjährige Scheidungskind lebt bei der Mutter und verbrachte bisher jedes zweite Wochenende bei seinem Vater. Doch das geht nun nicht mehr. „Nach seinem fünften Geburtstag wurde mir komplett der Umgang von meiner Ex-Frau untersagt“, erzählt Klein.

Bereits ein halbes Jahr nach der Trennung ging seine Frau vollkommen unverhofft das erste Mal vor Gericht, um den Kontakt zwischen Vater und Sohn zu verhindern. Seitdem reiht sich ein Gerichtsverfahren ans andere. Immer wieder wurde er von seiner Frau beschuldigt, sich dem Kind gegenüber falsch zu verhalten. Zum Teil wurden ihre Anschuldigungen vom Gericht schon als unbegründet abgewiesen. Nun ist sie erneut vor Gericht gegangen. „Sie hat den ganzen Katalog benutzt, den man vorwerfen kann“ sagt Sebastian Klein.

Von einem auf den nächsten Tag wurde der Kontakt unterbunden. Das Gericht entschied ohne Verhandlung und Anhörung, dass er drei Monate sein Kind nicht sehen darf. Klein versteht nicht, warum es nicht möglich ist, wenigstens einen betreuten Umgang einzusetzen oder sofort einen Gerichtstermin zu haben. „Unmengen an Zeit gehen ins Land“ klagt er. „Das mindeste wäre, irgendjemand überprüft jetzt, wie ich mit meinem Sohn umgehe.“ Falls bei der Gerichtsverhandlung gesagt wird, es sei für seinen Sohn zu anstrengend, zu ihm Kontakt zu haben, wird er sich zurückziehen. Er möchte verhindern, dass sein Sohn weiterhin von seiner Mutter instrumentalisiert wird.

Zahlreiche Verfahren an deutschen Familiengerichten

An deutschen Familiengerichten gibt es zahlreiche Verfahren, bei denen es darum geht, ob und wie viel Kontakt das Kind zum anderen Elternteil haben soll. Manche Verfahren mögen berechtigt sein und es ist wirklich zum Wohle des Kindes, dass es keinen Kontakt mehr zu einem misshandelnden oder missbrauchenden Elternteil hat. Oft aber werden auch falsche Anschuldigungen benutzt, um den anderen Elternteil aus dem Leben des Kindes zu verdrängen. Trennungsschmerz, Rachegefühle, ungelöste Konflikte zwischen den Eltern oder die Angst davor, dass das Kind den anderen Elternteil nach der Trennung lieber mögen könnte, veranlasst viele Alleinerziehende dazu. Dass sie damit letztendlich auch ihren Kindern schaden, nehmen sie nicht wahr. Dabei haben Kinder seit 1998 ein Recht auf beide Eltern.

Die gemeinsame Sorge beider Eltern nach einer Scheidung wurde zum Regelfall gemacht. Man hoffte auf einen Rückgang der Konflikte und einen Bewusstseinswandel beim betreuenden Elternteil dahingehend, dass auch der Umgang mit dem anderen Elternteil für das Kind wichtig sei. „Im Scheidungsverfahren treffen wir inzwischen keine Entscheidung mehr zur elterlichen Sorge“ sagt Familienrichterin Margarethe Bergmann. Die Kölner Juristin hatte selbst an der Gesetzesänderung mitgearbeitet. Die Streitigkeiten haben seit der Reform jedoch zugenommen. Allein von 1998 bis 2003 gab es einen Anstieg um 50 Prozent. „In den Fällen, wo ein Streit entsteht, gibt es so einen Bodensatz, wo der Streit viel radikaler ist als früher“ erklärt sie. „Es gibt Eltern, die überhaupt nicht in der Lage sind, ihre eigenen Bedürfnisse ein Stück zurückzustellen, um Kindern gerecht zu werden.“

Vorübergehenden Ausschluss des Umgangs anordnen

Immer wieder passiert es auch, dass gerade Gerichte einen, wenn auch vorübergehenden Ausschluss des Umgangs anordnen. „Der Richter findet eine verfahrene Situation vor und fühlt sich hilflos“ erklärt der Cochemer Familienrichter Jürgen Rudolph. Schließlich würden Sachverständige beauftragt, diagnostische Gutachten zu erstellen. Darin würde dann oft festgestellt werden, dass Ruhe für das Kind rein müsse, damit es sich von den Streitigkeiten erholen kann. „Eine Umgangsunterbrechung für mehrere Monate und manchmal bis zu zwei Jahren wird angeordnet.“ So wird „der andere Elternteil rausgekickt“, erklärt Rudolph.

Betroffen sind überwiegend Väter, weil die Arbeitsteilung in der Familien zumeist immer noch klassisch ist und die Mehrzahl der Kinder nach einer Scheidung oder Trennung bei der Mutter lebt. Zahlreiche Kinder werden so um ihre Beziehung zum Vater gebracht. Es gibt aber auch Mütter, denen der Umgang mit ihren Kindern verwehrt wird. In Rheinland-Pfalz beträgt die Quote der Frauen, die von solch einem gerichtlichen Beschluss betroffen sind, 20 Prozent „mit steigernder Tendenz“. Zudem sei die Härte des Konflikts nicht geschlechtsspezifisch, stellt Rudolph klar. „Väter stehen Müttern da in nichts nach.“

Rudolph verortet das Problem in unserem Rechtssystem, bei dem die „Sichtweise des Kindes auf der Strecke bleibe“. Der Versuch mit rein juristischen Formeln, Familienkonflikte zu lösen, könne nur schiefgehen. Das Gericht produziere Sieger und Verlierer „und Kinder gehen dabei immer mit als Verlierer heraus“. Gerichtverfahren hätten zudem eine eskalierende Wirkung. Die lange Dauer zwischen Antrag und Gerichtstermin, im Durchschnitt 6,8 Monate (2005), verschärfe die Situation zwischen den Eltern. Dass sich das Jugendamt durch eine Stellungnahme als Gegner oder Befürworter positioniere, sei auch nicht gerade förderlich.

„Tempo der frühen Intervention“

Jürgen Rudolph ist Mitinitiator des Cochemer Modells, das gerichtlich andere Wege beschreitet. „Kinder sollen auch nach einer Trennung die Beziehung zu beiden Eltern leben können.“ Dies ist das Ziel in Cochem. „Wir leben vom Tempo der frühen Intervention, und selten wird der Eskalationsstand erreicht, der sich in normalen Verfahren über Monate oder Jahre aufbaut.“ So wird nach Antragsstellung prinzipiell in zwei Wochen ein Gerichtstermin anberaumt, zu dem auch das Jugendamt geladen wird. Es muss nicht wie sonst eine Stellungnahme abgeben, sondern stattdessen vorher die ganze Familie kontaktieren. Die Rechtsanwälte haben sich verpflichtet, keine schmutzige Wäsche zu waschen, und maximal eine Seite zur Sache zu schreiben. Beim Termin selbst können die Eltern darüber reden, was für sie eine Rolle spielt.

Auch Emotionen dürfen dabei losgelassen werden. „Man kriegt so ziemlich gut eine Gesprächsbereitschaft hin“ sagt Rudolph. Die am Verfahren beteiligten Richter, Anwälte, Gutachter und Jugendamtsmitarbeiter verstehen sich nicht als Entscheider, sondern vielmehr als Moderatoren. Sie versuchen den Streit zu schlichten. Wichtig ist, dass die Eltern zu einer einvernehmlichen Lösung finden. Sind die Eltern beim Gerichtstermin dazu nicht in der Lage, werden sie zur Beratung geschickt, und ein neuer Gerichtstermin wird drei Monate später angesetzt. Das geht nicht immer ohne Druck, weshalb das Modell auch schon als autoritär kritisiert wurde. „Entweder bleibt der Druck auf den Kindern oder wir verlagern den Druck auf die Eltern.“ hält Rudolph dem entgegen. In der Beratung könne den Eltern deutlich gemacht werden, dass es nicht um sie gehe, sondern um ihre Kinder.

Cochemer Modell erfolgreich

Das Cochemer Modell hat sich als sehr erfolgreich bewährt. Es wird inzwischen im nördlichen Rheinland-Pfalz praktiziert, und Baden-Württemberg ist gerade dabei, es zu übernehmen. Rudolph wurde auch in Berlin bei den Beratungsgesprächen eines neuen Verfahrensgesetzes in Familiensachen konsultiert. Das neue Gesetz wurde im Juni vom Bundestag verabschiedet und trat am 1. September in Kraft. Umgangsverweigerungen sollen damit künftig besser verhindert werden. Es sieht vor, dass Gerichte Ordnungsgelder gegen umgangsverweigernde Eltern verhängen können. Außerdem gibt es die Möglichkeit, einen Umgangspfleger zu bestellen, der in schwierigen Konflikten sicherstellen soll, dass der Kontakt des Kindes zum Umgangsberechtigten nicht abbricht. Eine Beschleunigung von Sorge- und Umgangsverfahren ist vorgesehen, und auch die einvernehmliche Lösung des Konfliktes soll bei Gericht im Vordergrund stehen.

Es hat den Anschein, als wenn das Cochemer Modell Eingang ins Gesetz gefunden hätte. Rudolph ist jedoch enttäuscht. „Das Gesetz ist viel zu schwach.“ Zwar könne das Gericht die Eltern in die Beratung schicken, aber dies sei nicht vollstreckbar. Der Richter kann es nicht durchsetzen, wenn sich Eltern weigern. Außerdem sei die frühe Terminierung des Gerichtstermins nur eine Soll-Vorschrift geworden, also muss er nicht geschehen. Das Gesetz hätte seiner Ansicht nach konsequenter sein können. „Es wurde wieder nur ein halbherziger Schritt gemacht.“

Neues Scheidungsrecht- 05.09.2009

Von Gudrun Holtz und Edith Diewald

Quelle: Weser Kurier – http://www.weser-kurier.de/Artikel/Bremen/Politik/30815/Kinder-haben-ein-Recht-auf-beide-Eltern.html