14.12.2015 – Süddeutsche Zeitung – In fremden Händen

14. Dezember 2015 Aus Heft 50/2015 Familie

In fremden Händen

Jugendämter greifen zunehmend in Familien ein und bringen Kinder in Heimen oder Pflegefamilien unter. Manche Entscheidungen der Ämter sind verheerend – und wer einmal in die Mühlen geraten ist, kommt so leicht nicht mehr heraus. Sechs Leidensgeschichten.

Von Katrin Langhans und Rainer Stadler

In Deutschland gibt es rund 600 Jugendämter. Sie sind kommunale Behörden und sollen sicherstellen, dass Kinder geborgen und gesund aufwachsen. Sie planen Spielplätze, sie beraten Jugendliche, die sich beim Einstieg ins Berufsleben schwertun, sie unterstützen Eltern bei der Erziehung. Das Jugendamt soll aber nicht nur helfen, sondern auch kontrollieren, dass Kinder in ihren Familien nicht vernachlässigt oder misshandelt werden. Andernfalls kann es eine Inobhutnahme verfügen: Das Kind wird aus seiner Familie genommen und in einer Pflegefamilie oder einem Heim untergebracht. Die Zahl der Kinder, die Jugendämter aus ihren Familien nehmen, steigt: Vor zehn Jahren waren es rund 25 000 Kinder, vergangenes Jahr fast 50 000. In der Öffentlichkeit wird diese Entwicklung oft damit erklärt, dass Eltern mit ihrer Erziehungsaufgabe zunehmend überfordert seien. Es gibt aber Fälle, die eher den Verdacht nähren, dass ein Apparat außer Kontrolle geraten ist: dass Familien, die vielleicht Hilfe bräuchten, mit staatlicher Gewalt schikaniert und auseinandergerissen werden – mit wenig Rücksicht auf Gesetze und auf das Gut, das eigentlich über allem steht: das Kindeswohl.

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07.10.2016 – Die Welt – Lässt das Kevin-Syndrom Jugendämter überreagieren?

Lässt das Kevin-Syndrom Jugendämter überreagieren?
Von Sabine Menkens | Stand: 07.10.2016 | Lesedauer: 6 Minuten
Zahl offizieller Kindeswohlgefährdungen steigt deutlich an – auch weil Behörden genauer hinsehen. Doch die Union fürchtet, dass viele Kinder vorschnell aus ihren Familien gerissen werden

Die Zahlen klingen alarmierend. 20.800 akute Kindeswohlgefährdungen haben deutsche Jugendämter im vergangenen Jahr festgestellt, ein Anstieg von 11,7 Prozent im Vergleich zu 2014. Dazu knapp 24.000 latente Gefährdungen des Kindeswohls, ein Plus von 7,9 Prozent. In 43.200 Fällen wurde zumindest ein „Hilfe- und Unterstützungsbedarf“ attestiert. Das ist die Bilanz, die deutsche Jugendämter aus den insgesamt 129.000 Verfahren gezogen haben, die 2015 zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls angestrengt wurden. Zahlen, hinter denen sich häufig unermessliches Leid verbirgt: Vernachlässigung, psychische und körperliche Misshandlung, sexuelle Gewalt.

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14.10.2014 – FAZ – Unter dem Deckmantel der Vielfalt

Sexualaufklärung in Schulen
Unter dem Deckmantel der Vielfalt

Kinder sollen ihre „Lieblingsstellung“ zeigen, Puffs planen, Massagen üben. Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen. Die Politik will es so. Kinderschützer schlagen Alarm.

14.10.2014, von Antje Schmelcher

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20.10.2014 – RP-Online – Immer weniger Familien bestehen aus Ehepaaren mit Kindern

20. Oktober 2014 | 08.33 Uhr
Bericht des statistischen Bundesamtes
Immer weniger Familien bestehen aus Ehepaaren mit Kindern

Wiesbaden. Ein Bericht des statistischen Bundesamtes für das Jahr 2013 belegt: Noch sind in den meisten Familien mit mindestens einem minderjährigen Kind die Eltern verheiratet. Der Trend zeigt aber, dass dies immer seltener der Fall ist. Die Ein-Kind-Familie wird zum dominierenden Modell.

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12.02.2014 – Neue Osnabrücker Zeitung – BGH lässt enterbten Sohn für Pflege des Vaters zahlen

BGH-Urteil
BGH lässt enterbten Sohn für Pflege des Vaters zahlen
Vom 12.02.2014, 08:22 Uhr, zuletzt aktualisiert 12.02.2014, 15:48 Uhr

Das Urteil hat bundesweit Auswirkungen auf Städte und Gemeinden. Denn sie müssen oft über die Sozialhilfe für die Pflegekosten alter Menschen aufkommen, wenn deren Rente dafür nicht reicht. Foto: Oliver Berg

Karlsruhe. Erwachsene Kinder müssen die Heimkosten von Mutter und Vater selbst dann tragen, wenn die Eltern seit Jahrzehnten jeden Kontakt verweigert haben. Das hat der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden. Das Urteil stößt auf Kritik.

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09.01.2014 – SHZ – Fast 20 Prozent der Kinder von Armut bedroht

Fast 20 Prozent der Kinder von Armut bedroht
vom 9. Januar 2014

Kein Urlaub, kein eigenes Zimmer, keine Winterjacke: Eine Studie bringt traurige Details über das Leben vieler deutscher Kinder zum Vorschein.

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23.08.2010 – Humanistischer Pressedienst – Heimkinder: Es muss ein Miteinander sein

TRIER. (hpd) Robert Nieporte ist der Anwalt, der nun die Interessen der ehemaligen Heimkinder vertritt. Der hpd sprach mit dem Juristen über seine Strategie, über das pragmatische Vorgehen von Regierung und Kirche in anderen Ländern, das beharrliche Schweigen der deutschen Kirche, institutionalisiertes Unrecht und welche Anerkennung den Opfern gerecht werden würde.

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21.09.2012 (Freitag) und 22.09.2012 (Samstag) – Männerkongress 2012 – Der zweite wissenschaftliche Männerkongress 2012 an der Heinrich-Heine Universität, 40225 Düsseldorf

21.09.2012 (Freitag) und 22.09.2012 (Samstag)

Heinrich-Heine-Universität
Hörsaal 13A
Universitätsstraße 1
40225 Düsseldorf

Die Teilnahmegebühr für die beiden Kongresstage beträgt 200,- Euro (ermäßigt 150,- Euro) inkl. Mittagessen.

Da die Plätze begrenzt sind, bitten wir Sie um eine rechtzeitige Anmeldung.

 

Programm

Freitag, 21.09.2012
13:00 Uhr Begrüßung
13:45-15:15 Uhr Erkundungen des Themas aus männlicher Sicht
Kulturgeschichte der Trennung – Prof. Martin Dinges (Institut für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung Stuttgart)
Psychoanalyse der Trennung – André Karger (Universität Düsseldorf)
15:15-15:45 Uhr Pause
15:45-17.15 Uhr Bei einer Trennung sind alle Leidtragende – auch Jungen und Väter
Die Väter – Prof. Gerhard Amendt (Universität Bremen)
Die Jungen – Prof. Matthias Franz (Universität Düsseldorf)
17:15-18:45 Uhr Trennungserleben und Folgen aus kindlicher Sicht
Innere Welt von Kindern Alleinerziehender – Prof. Frank Dammasch (Universität Frankfurt)
Auswirkungen früher Trennungen – Dr. Rainer Böhm (Sozialpädiatr. Zentr. Bielefeld)

3 alternative Abendveranstaltungen
19:00 Uhr Get-Together – Gelegenheit zu Austausch und Vernetzung (Foyer Hörsaal 13A, UKD) – Eckhard Kuhla (Syke)
19:30-21:00 Uhr Großgruppe – mit gruppenpsychoanalytischer Begleitung (O.A.S.E., UKD) – Dr. Norbert Hartkamp (Düsseldorf), Dr. Bertram von der Stein (Köln)
20:00 Uhr Filmvorführung „Der Tintenfisch und der Wal“ mit psychoanalytischer Besprechung (Black Box Düsseldorf, Schulstr. 4) – Prof. Dirk Blothner (Universität Köln)

Samstag, 22.09.2012
8:45 Uhr Begrüßung
9:00-10:30 Uhr Trennung ohne Ende?
Das Parental Alienation Syndrome – Robert Schlack (Robert-Koch-Institut Berlin)
Begutachtung und elterliche Gleichheit im Familienrecht – kein Ruhmesblatt der Psychologie – Prof. Uwe Jopt (Universität Bielefeld)
10:30-11:00 Uhr Pause
11:00-12.30 Uhr Rechtliche Aspekte bei hochstrittigen Trennungen
Möglichkeiten und Grenzen der Beratung bei hochstrittigen Elternkonflikten – Dipl.-Psych. Matthias Weber (Melsbach)
Paare vor Gericht: Juristische Möglichkeiten der Konfliktregulation? – Hans-Christian Prestien (VAK Potsdam)
12:30-14:00 Uhr Mittagessen
14:00-15:30 Uhr Prävention und Hilfen – auch für Jungen und Väter
Stand der Präventionsforschung – Prof. Ulrich T. Egle (Celenus Klinik Gengenbach)
Prävention als Handlungsfeld der Politik – Heinz Hilgers (Deutscher Kinderschutzbund)
15:30-16:30 Uhr Abschluss – Im Fokus: Trennungsfolgen für Jungen und Männer
Zusammenfassende Schlussstatements, Diskussion, Presse

Quelle: maennerkongress2012.de – http://www.maennerkongress2012.de/index.php/programm

 

Männerkongress 2012

Der Männerkongress 2012 will die in den Wissenschaften bislang vernachlässigten Folgen von Trennung und Scheidung für Männer und Kinder – insbesondere aus Sicht der betroffenen Väter und Jungen – in den Vordergrund rücken.

Beziehungen sind für alle Menschen von grundlegender Bedeutung. Der Qualität des Miteinanders von Männern und Frauen wie auch von Eltern und ihren Kindern kommt eine herausragende Bedeutung zu. Sie beeinflusst persönliche Gesundheit und Lebensqualität sowie auch das gesellschaftliche Klima.

Trennungen und Abschiede sind einerseits unvermeidliche biografische Wendepunkte, sie können insofern auch notwendige Reifungsschritte markieren. Werden Beziehungen jedoch unter konflikthaften oder sogar traumatischen Bedingungen getrennt, führt das für alle Beteiligten häufig zu leidvollen Erschütterungen ihres Lebensgefüges.

Die Folgen können schwerwiegend und langfristig sein, besonders wenn keine präventiven oder andere professionellen Hilfen zur Verfügung stehen. Einfache oder gar einseitige Täter-Opfer-Zuschreibungen verstellen dabei den Blick auf die komplexen emotionalen und gesellschaftlichen Problemlagen, mit denen auch Väter und Jungen umgehen müssen.

Der zweite wissenschaftliche Männerkongress 2012 an der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf bringt renommierte Wissenschaftler und Fachreferenten zusammen, die das Thema der Elterntrennung mit seinen vielfältigen Facetten und Folgen auch für die betroffenen Kinder aus historischer, psychoanalytischer, soziologischer, medizinischer und juristischer Sicht darstellen werden.

Die Veranstalter laden alle Interessierten zu einem spannenden Dialog ein, der die häufig auch leidvollen Folgen von Trennungen sichtbar machen und konstruktive Wege der Verständigung und Bewältigung eröffnen soll.

Für die Veranstalter
Prof. Dr. Matthias Franz
OA André Karger

Quelle: maennerkongress2012.de – http://www.maennerkongress2012.de/

 

Anmeldung und Gebühr

Bitte verwenden Sie zur Anmeldung zum Männerkongress 2012 unser Online-Formular oder alternativ das Formular zum Ausdrucken (PDF).

Die Teilnahmegebühr für die beiden Kongresstage beträgt 200,- Euro (ermäßigt 150,- Euro) inkl. Mittagessen.

Da die Plätze begrenzt sind, bitten wir Sie um eine rechtzeitige Anmeldung.

Nach Ihrer Anmeldung erhalten Sie eine Bestätigung Ihrer Daten per E-Mail sowie eine schriftliche Anmeldebestätigung und Rechnung per Post. Sollten Sie diese E-Mail-Bestätigung Ihrer Daten nicht erhalten, aber auch bei sonstigen Fragen, nehmen Sie bitte Kontakt mit uns auf unter kontakt@maennerkongress2012.de.

Eine Stornierung Ihrer Anmeldung ist bis zum 7.9.2012 möglich, wir erstatten Ihnen dann die Teilnahmegebühr abzüglich der Bearbeitungsgebühren (50,- Euro) zurück. Nach dem 7.09.2012 ist eine Gebührenrückerstattung nicht mehr möglich. Die Nichtzahlung Ihrer Rechnung wird nicht als Stornierung anerkannt.

Wir freuen uns Sie am 21. und 22.09. begrüßen zu dürfen,

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Organisationsteam des Männerkongress 2012

Quelle: maennerkongress2012.de – http://www.maennerkongress2012.de/index.php/anmeldung

 

 

29.05.2012 – Augsburger Allgemeine – Tun Deutschlands Politiker zu wenig? Drei Kinder pro Woche sterben durch Gewalt

Einzelne Fälle schockieren die Öffentlichkeit, die Gesamtanzahl ist noch erschreckender: Im Schnitt sterben in Deutschland drei Kinder pro Woche durch Gewalt und Verwahrlosung.

Die Namen sind allen bekannt, sie stehen für ein grausames Schicksal: Kevin in Bremen, Chantal in Hamburg oder Lea Sophie in Schwerin. Sie stehen für 146, die 2011 ums Leben gekommen sind. Immer wieder werden Kinder Opfer von Gewalt und Verwahrlosung. Kinderschützer kritisieren, die Politik tue zu wenig dagegen.

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19.04.2011 – Weser Kurier – Neue Erkenntnisse im Fall Dennis: Martin N.: Tötungsfantasien schon als Jugendlicher

Bremen. Wer ist dieser Martin N.? Auf jeden Fall jemand, der sich schon als Jugendlicher gedanklich damit vertraut machte, Kinder zu töten. Denn damit bedrohte er im Jahr 1987 fünf eher wohlhabende Nordbremer Familien, die monatelang in Angst und Schrecken lebten und ihre Kinder ein dreiviertel Jahr lang nur mit Bewachung zur Schule schickten. Martin N. verlangte von ihnen Geld. In einem Erpresserbrief an die Familie eines Nordbremer Arztes schreibt er handschriftlich: „Sie geben uns 150000 DM und wir entführen ihre Kinder nicht.“ Und weiter: „Wenn Sie den Vorschlag ablehnen oder die Polizei alarmieren, wird eines ihrer Kinder sterben.“

Fast zehn Jahre nach dem Mord an dem kleinen Dennis ist ein Verdächtiger festgenommen worden, der auch für weitere Morde verantwortlich sein soll. Ende der 1980er Jahre hat der mutmaßliche Täter bereits Familien in Bremen-Nord erpresst.

Martin N. – als Erwachsener war er sowohl bei der Hamburger als auch der Bremer Justiz aktenkundig. Zwar beging er schon als Jugendlicher eine Straftat. Doch die Eintragung ist, weil er nach Jugendstrafrecht verurteilt worden war, längst gelöscht. Er war 16 Jahre alt, als er Erpresserbriefe verfasste und darin mit der Ermordung von Kindern drohte. Fünf eher wohlhabende Familien forderte er in seinen zynisch formulierten Erpresserbriefen auf, bestimmte Anzeigen in der Zeitung zu schalten, um sehen zu können, ob sie auf seine Forderung eingehen. So schrieb er etwa: „Wenn die Anzeige nicht erscheint, haben Sie demnächst einen Todesfall in Ihrer Familie zu bedauern.“

Die gewünschten Anzeigen unter der Rubrik Automarkt erschienen. Doch zur Geldübergabe kam es nie. So textete ein Kollege unserer Regionalredaktion „Die Norddeutsche“ am 12. August 1988 über den Fall: „Während die Polizei dort (am vereinbarten Geldübergabeort) nächtelang observierte, schlief der Schönebecker zu Hause in seinem Bett.“

Acht Wochenenden Sozialdienst

Nach der Erinnerung eines Nordbremer Arztes, dessen Familie zu den fünf erpressten gehörte, wurde Martin N. vom Jugendgericht zu acht Wochenenden Sozialdienst verurteilt. Die Polizei war dem damaligen Nordbremer Gymnasiasten unter anderem aufgrund des Schriftbildes der Briefe auf die Schliche gekommen. Außerdem soll er, als er eine Familie zum zweiten Mal erpresste, einen „entscheidenden Fehler“ gemacht haben. Welchen, das wollte die Polizei damals „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht preisgeben.

Hätte man schon damals erkennen können, dass in dem Gymnasiasten ein mutmaßlicher potenzieller Serienmörder heranreift? Wohl kaum. Aber auch später, als Erwachsener, kommt er mit dem Gesetz in Konflikt, ohne dass er nennenswert bestraft wird. Vor sechs Jahren ermittelte die Bremer Staatsanwaltschaft gegen den damals 34-jährigen Pädagogen wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Er soll einen zehnjährigen Jungen unsittlich berührt haben, als er auf Bitten der Mutter auf ihren Sohn in der Rembrandtstraße in Schwachhausen aufpasste. Diese Straftat lag rund zehn Jahre zurück.

Dass sich der mittlerweile junge Mann erst so spät zur Anzeige entschloss, hatte nach Informationen unserer Zeitung einen einfachen Grund: Der Mann sah Martin N. zufällig im Steintorviertel, erfuhr, dass er beruflich mit Kindern zu tun hatte, sagte sich kopfschüttelnd „Und so was arbeitet als Erzieher“ – und ging zur Polizei. Der erzählte er, dass es noch einen weiteren Jungen gab, dem Ähnliches widerfahren sei. Diesen Zeugen konnte die Polizei indes nicht ausfindig machen.

„Den kenne ich“

Gestern bestätigte eine Nachbarin in der Rembrandtstraße, dass Martin N. früher neben ihr gewohnt habe. Persönlich habe die junge Mutter ihn jedoch „Gott sei Dank“ nicht kennengelernt. Sie lebe erst seit wenigen Jahren dort, aber ältere Anwohner hätten berichtet, dass er zuvor in dem weißen Haus neben ihr lebte. „Ich bin nur froh, dass er nicht auf mein Kind aufgepasst hat“, sagt sie. Auf ein Foto von Martin N. angesprochen sagt ein Verkäufer der nahegelegenen Eisdiele an der Wachmannstraße: „Den kenne ich. Der war vor Jahren öfter hier. Mal alleine, mal aber auch mit zwei oder drei Kindern.“

Von 1998 bis 2000 soll Martin N. in der Hegelstraße gewohnt haben. Inzwischen leben in dem Altbremer Haus in der Neustadt Studenten. Eine 22-Jährige sagt bedrückt: „Es ist schon ein krasser Gedanke, dass Vergewaltigungen hier im Haus stattgefunden haben könnten.“ Sie versucht, die Gedanken jetzt in Gesprächen mit ihren Eltern zu verarbeiten. Ihr 22 Jahre alter WG-Kollege versucht sich abzulenken, um gar nicht an die mutmaßlichen Gräueltaten zu denken. Komisch findet er, dass Journalisten seit Freitag bei ihm Sturm klingeln, aber die Polizei noch nicht einmal da gewesen sei. Auch Nachbarn, die seit 34, 40 oder gar 50 Jahren an der Hegelstraße leben, hätten bisher mit Reportern, nicht aber mit den Ordnungshütern gesprochen. Eine 70-Jährige sagt auf das Foto von Martin N. angesprochen: „Den kennt hier keiner.“

An Hamburg übergeben

Zurück zur Straftat gegen sie sexuelle Selbstbestimmung. Die Ermittlungen der Polizei ergaben, dass Martin N. inzwischen in Hamburg wohnte. Also übergab die Polizei den Fall an die Behörden der benachbarten Hansestadt. Ob die Informationen mit Erkenntnissen der Bremer Staatsanwaltschaft übereinstimmen, konnte ihr Pressesprecher Frank Passade gestern nicht sagen. Begründung: „Die Akte ist bei der Soko Dennis.“

Zu den Martin N. damals vorgeworfenen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung will auch die Soko in Verden zunächst nichts sagen. Fest steht nur: Diese Straftaten sind ein Oberbegriff für Straftaten, die in den Paragraphen 174 – 174 c im Strafgesetzbuch geregelt sind. Dabei geht es um den sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen, also etwa zu betreuende Kinder, oder Hilfsbedürftige.

Fest steht: Die Hamburger Staatsanwaltschaft stellte den „unterschwelligen Fall“, wie Wilhelm Möllers, Sprecher der Hamburger Staatsanwaltschaft, sagte, dann gegen Zahlung einer Geldauflage ein.

Weniger glimpflich kam Martin N. kurze Zeit später davon. In einem zweiten Fall wurde er im Juli 2006 wegen einer versuchten Erpressung angeklagt. Der heute 40-Jährige bekam damals zehn Monate auf Bewährung, weil er einen Mann aus Berlin gezwungen hatte, ihm 20000 Euro zu zahlen. Er drohte damit, Kinderpornos aus dessen Besitz an dessen Arbeitgeber weiterzuleiten. Die Fotos hätten den Missbrauch von kleinen Jungen gezeigt, sagte Möllers.

Pflegekinder betreut?

Nach wie vor unklar bleibt, ob Martin N. auch Pflegekinder betreut hat, die ihm von der Sozialbehörde anvertraut worden sind. Einem „Spiegel“-Bericht zufolge stammten die Kinder aus sozial benachteiligten Familien und wurden vorübergehend an den Sozialarbeiter vermittelt. Ende der 90er Jahre soll er wiederholt „etwa 10 bis 15 Jahre alte Pflegekinder“ in seiner Bremer Wohnung in der Hegelstraße in der Neustadt aufgenommen haben, zitierte der „Spiegel“ ehemalige Nachbarn.

Die Sozialbehörde indes gibt sich weiter zugeknöpft. Petra Kodré, Sprecherin des Sozialressorts, verweist auf Absprachen mit der Sonderkommission Dennis: „Es handelt sich um ein laufendes Ermittlungsverfahren. Die Polizei bestimmt, welche Informationen zu welchem Zeitpunkt an die Öffentlichkeit gelangen.“ Grundsätzlich sei es eher eine Ausnahme, wenn Männer allein für Pflegekinder verantwortlich seien. „Wir haben in Bremen elf alleinerziehende Männer in Pflegefamilien“, sagte Kodré, „davon neun Fälle von Verwandtenpflege“, also Kinder, für die Onkel oder Großvater die Sorge übernommen hätten. Lediglich zwei alleinerziehende Männer pflegten fremde Kinder. Insgesamt leben nach Ressortangaben in Bremen 585 Pflegekinder in 474 Pflegefamilien, darunter gibt es 85 alleinerziehende Frauen.

Auch die städtische Gesellschaft „Pflegekinder in Bremen“ (PIB), zuständig für die Vermittlung von Pflegekindern und Qualifizierung von Pflegeeltern, verweist auf das laufende Verfahren und schweigt. Offenkundig ist aber: Die Gesellschaft hat ihr Geschäft erst im Jahr 2002 aufgenommen, also in einer Zeit, als Martin N. bereits in Hamburg lebte. Falls Ermittlungen der Polizei zutage fördern sollten, dass Pflegekinder bei ihm gelebt haben, wären die Sozialzentren in den Stadtteilen zuständig gewesen. Eine zentrale Erfassung aller Pflegeeltern in dieser Zeit muss als eher unwahrscheinlich gelten, so dass es noch dauern kann, bis gesicherte Ergebnisse vorliegen.

Die Polizei war davon ausgegangen, dass der mutmaßliche Täter „gut integriert“ ist in die Gesellschaft. Wie Recht sie damit hatte, zeigt sich unter anderem daran, dass Martin N. auch parteipolitisch eingebunden war. So wird bestätigt, dass er Mitglied in der Hamburger SPD war. Dort habe er der Partei jedoch inzwischen den Rücken gekehrt. Für seine Bremer Jahre gilt es in SPD-Kreisen als gesichert, dass er auch hier Mitglied war.

Zur Frage der Pflegekinder-Betreuung wollte auch die Sonderkommission Dennis in Verden keine weiteren Angaben machen. Soko-Sprecherin Anke Rieken erklärte: „Im Moment wissen wir lediglich, dass Herr N. auch als Jugendbetreuer tätig war.“ Ob er auch Pflegekinder betreute – darüber befinde sich die Soko derzeit „im Austausch mit unterschiedlichen Behörden“.

Bewegungsprofil von 20 Jahren

Jetzt, da aus dem „schwarzen Mann“ oder dem „Phantom“ ein realer Tatverdächtiger mit einem Gesicht geworden ist, das Boulevardmedien am Wochenende veröffentlichten, gehen in der Soko Dennis täglich neue Hinweise ein. Anke Rieken spricht von einem aktuell hohen Hinweisaufkommen. Dabei müssen die Hinweisgeber nicht auf einen Termin warten. Im Gegenteil. „Jeder Hinweis wird sofort aufgenommen.“ Außerdem – jetzt da der Tatverdächtige bekannt sei – gehe es darum, das Lebensumfeld von Martin N. in den vergangenen 20 Jahren auszuleuchten und ein Bewegungsprofil zu erstellen. So wollen die Beamten herausfinden, ob der ehemalige Lehramtsstudent für weitere Morde infrage kommt, etwa in den Niederlanden und Frankreich. Martin N. selbst bestreitet die beiden Morde aus den Jahren 1998 und 2004.

Im Jahre 1998 wohnte Martin N. noch in Bremen, 2004 bereits in Hamburg. Von 2000 bis 2008 war er Mitarbeiter in einer Jugend-Wohngruppe der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort GmbH im Hamburger Stadtteil Harburg. Die Mitarbeiter verweisen am Telefon auf eine Pressemitteilung des Trägervereins im nordrhein-westfälischen Freudenberg. In einer Stellungnahme schreibt Sprecher Henning Siebel über Martin N.: „Während seiner gesamten Beschäftigungszeit trat er als ein freundlicher, engagierter und kompetenter Mitarbeiter in Erscheinung. Zu keinem Zeitpunkt gab es für uns Anhaltspunkte oder Hinweise auf Fehlverhalten oder Auffälligkeiten.“ Unserer Zeitung sagte Siebel gestern außerdem, dass der Tatverdächtige mit erfahrenen Mitarbeitern zusammengearbeitet habe. „Denen wäre es aufgefallen, wenn es eine Verfehlung innerhalb des Dienstes gegeben hätte.“

Erst als ein Schreiben der Staatsanwaltschaft im Januar 2008 ins Haus flatterte, wurde das Unternehmen auf seinen Mitarbeiter aufmerksam. Die Ermittlungsbehörde informierte die Jugendhilfe damals darüber, dass ein Verfahren gegen Martin N. wegen des Verdachts des Besitzes und Verschaffens kinderpornografischer Bilder wegen Verjährung eingestellt worden sei. „Das war das erste Mal überhaupt, dass uns ein Vorwurf bekannt geworden ist“, sagte Siebel. Das Unternehmen reagierte umgehend und stellte Martin N. mit sofortiger Wirkung frei.

Kleine Jungen mit nach Hause genommen

Dass der langjährige Arbeitgeber nichts vom Doppelleben seines Angestellten wusste, scheint kaum möglich. Denn allem Anschein nach war Martin N. dafür bekannt, dass er hin und wieder kleine Jungen mit nach Hause nahm. Das erzählte jedenfalls eine heute 21 Jahre alte, ehemalige Bewohnerin der Harburger Jugend-WG dem „Hamburger Abendblatt“. Sie habe den Betreuer als „liebevoll und geduldig“, aber auch als verdächtig engagiert kennengelernt, heißt es. Die Jungen seien ihm dabei näher gewesen. Nur ihnen habe er Weihnachtsgeschenke gemacht. Martin N. habe die Jungen auch oft berührt und einige von ihnen mit in seinen Privaturlaub nach Dänemark genommen, sagte die 21-Jährige dem Blatt. Für einige Kinder sei er eine Art Vaterersatz gewesen.

Die Polizei ermittelt unterdessen weiter. Und auch die Hamburger Sozialbehörde hat sich jetzt eingeschaltet. Weil Martin N. in der Jugendhilfe tätig war, will die Behörde den Fall genau prüfen. „Wir gucken, was da gewesen ist. Hat es womöglich Fehler gegeben? An welchen Stellen hätte man Dinge anders machen können?“, sagte Behördensprecherin Julia Seifert. Es gehe vor allem darum, für die Zukunft zu lernen. „Wir stehen aber noch ganz am Anfang.“

Von Peter Voith , Jean-Charles Fays und Bernd Schneider

Quelle: Weser Kurier –