19.01.2012 – Blick – Rabenmütter: Wenn die Liebe fehlt

Nach dem Tod der beiden Kinder in den Fluten des Gerlibachs herrscht Empörung und Ratlosigkeit. Vernachlässigung, Misshandlungen und Kindstötungen nehmen zu. Warum drehen immer mehr Mütter durch?

Die Schlagzeilen treffen ins Herz: «Mutter zündet Tochter an» – «2,4 Promille im Blut – und zwei Kinder im Auto», «Mutter verkauft Tochter – für Sex». Oder ein schweissnasses, nach Luft japsendes Kleinkind wird von der Polizei aus einem geparkten Auto gerettet: Die Mutter hatte es in brüllender Hitze einfach vergessen.

Der aktuelle Fall um die ertrunkene Jessica, 11, und den erst 6 Monate alten Nils erschüttert die Gemüter. Und wirft Fragen auf: Wie kann eine Gastmutter drei kleine Kinder allein in einen Zug setzen? Wie können Kinder in einer Gewitternacht alleine unterwegs sein? Wie um alles in der Welt kann eine Mutter einer Frau, der nachweislich das Sorgerecht entzogen wurde, ihre Kinder anvertrauen?

Sind diese Frauen «Rabenmütter»? Oder wie die Psychologie definiert: Mütter, die ihre Kinder vernachlässigen oder sich nicht um sie kümmern, da etwa Hobbys oder Beruf mehr im Vordergrund oder Interesse stehen als die Kinder. Wobei die Redensart auf die Beobachtung zurückgeht, dass junge Raben zu früh sich selbst überlassen werden.

Lassen wir mal all die bekannten Fälle beiseite, in denen drogen- oder alkoholsüchtige Frauen ihre Kinder bis zu deren Tod vernachlässigen, aushungern oder durch Untätigkeit töten. Auch wenn hier die von Gerichtspsychologen gebetsmühlenartig wiederholten Entschuldigungsgründe herangezogen werden: Diese Frauen waren allein, überfordert, verzweifelt, süchtig – ergo nicht schuldfähig.

Diese Gründe können wohl kaum das Verhalten solcher Mütter erklären. Wie der, die in Zürich ihrem Neunjährigen mit einem heissen Bügeleisen den Rücken bügelte. Was das Kind – trotz Verbrennungen zweiten Grades – entschuldigte. Zumal er es gewohnt war, dass seine Mama ihn mit einem T-Shirt knebelte, wenn er mal weinte. Für die Geschwister Rosana und Edson aus Basel gehörte es zum fast täglichen Ritual, von ihrer Mutter mit Gürtelschnalle und Kochlöffel verprügelt zu werden.

Claudia Juchler vom Familienportal http://www.zuerichfamilie.ch kennt die Problematik von täglich eingehenden Notfällen: «Die meisten Familien leiden heute unter Geldmangel, können die Rechnungen nicht bezahlen. Die Mutter muss arbeiten – und das, obwohl gerade in der Deutschschweiz weder Morgen-, Mittagstische noch Krippenplätze zur Verfügung stehen.» So dass dieser Mangel ganz natürlich zu einer Verrohung, zu einer sozialen Vernachlässigung der Kinder führen muss.

Oder wie es Heribert Prantl in der «Süddeutschen Zeitung» auf den Punkt bringt: «Kinder verkümmern, verwahrlosen und verhungern, weil den Eltern die Kinder egal oder lästig sind.»

Für die beiden Schweizer Ärzte Dr. Witold Tur und den Psychologen Werner Disler liegen die Gründe auch bei uns, bei denen, die gerne weggucken. «Mütter dürfen heute kaum mehr Mütter sein: Sie sollen arbeiten, alles für Familie und Kinder organisieren.»

Zum Fall der ertrunkenen Kindern in der Engelberger Aa meinen sie: «Konkret dürfte bei Müttern, die ein 11-jähriges Mädchen mit einem 6-monatigen Baby losschicken, ein Mangel an Empathie vorliegen; ist doch ein so kleines Kind auf die Mutter oder professionelle Betreuung angewiesen, womit eine 11-Jährige völlig überfordert ist. Dabei zeigt sich die Tendenz, heute den Kindern oft zu früh zu viel zuzumuten.»

Aber auch das ist nicht neu. Wurden nicht schon Hänsel und Gretel allein in den Wald geschickt – wenn auch nur im Märchen.

Rabenmütter

Mutter lässt Baby verhungern
Wettingen AG: Die 33-jährige Priska B.* liess ihr drei Monate altes Baby verhungern. Grund: Priska «vergass» ihr Kind, um in Zürich Kokain zu kaufen, traf Freunde, hatte es lustig, festete, zog ihre Rückkehr immer weiter hinaus. Priska dachte, dass die Nachbarn schon hören würden, wenn ihr Baby schreit. Und irgendwer würde dann schon die Tür aufbrechen, um ihr Baby zu retten. Irgendwann habe sie zwar geahnt, dass «etwas Schreckliches passiert ist» – und da habe sie sich erst recht nicht mehr nach Hause getraut. Erst sechs Wochen, nachdem Priska nicht mehr in ihrer Wohnung auftauchte, wurde ihr Baby gefunden. Total verwest. Die Vernachlässigung dieses Kindes war kein Einzelfall: Priska liess bereits die drei Kinder aus ihrer ersten Ehe tagelang allein, bis diese Kleinen in ein Kinderheim kamen. (Mai 1995)

Mutter misshandelt Sohn – bis er stirbt
Winterthur ZH: Mit unvorstellbarer Grausamkeit misshandelte Pflegemutter Gisela N.*, 36, den ihr anvertrauten vierjährigen Thiago. Sie schlug, biss und verbrühte ihn, beschmierte sein Gesicht mit Kot, duschte ihn eiskalt, steckte ihn über Nacht in einen leeren Farbkessel. Als der Vater der Foltermutter nicht mehr zusehen konnte, wie Gisela den kleinen Bub quälte, zeigte er seine Tochter wegen Kindesmissbrauchs an. Doch die Behörden glaubten ihm nicht – bis Thiago an einem Cocktail aus Essig, Senf, Pfeffer und Paprika starb. das Bild oben zeigt das kleine Holzkreuz, das heute an den toten Thiago erinnert. (August 2001)

Von Helmut-Maria Glogger

Quelle: Blick – http://www.blick.ch/news/schweiz/wenn-die-liebe-fehlt-id26977.html 

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